Das Jahrtausenfeld ist eine fast drei Hektar große Brachfläche im Stadtteil Plagwitz.
Mach Empfehlungen Karl-Heines gründet Rudolph Sack 1863 hier seine Landmaschinenfabrik auf grüner Wiese. Es war es ist eine der ersten Fabriken, die im Zuge der Industrialisierung der Gemeinde Plagwitz hier gebaut wurde. Bald verfügt sie über eine eigene Gießerei, Stadtbahnanschlüsse und bereits 1913 über 2.000 Arbeiter:innen. Mit dem Universalpflug aus Eisenstahl wird die Fabrik eine der bekanntesten Pflug- und Landmaschinenhersteller Deutschlands. Während des Zweiten Weltkriegs steigt die Firma in die Rüstungsproduktion ein und beschäftigt u.a. 1.570 Zwangsarbeiter:innen. 1945 wird die Fabrik schwer zerstört, durch die US-amerikanische Besatzung kurzzeitig stillgelegt, der Landesregierung Sachsens übergeben und 1948 enteignet. Die folgenden VEB Leipziger Bodenbearbeitungsgeräte und VEB Land-, Bau- und Holzbearbeitungsmaschinen die größten Landtechnikhersteller in der DDR mit fast 3.000 Arbeiter:innen. 1990 wird die VEB von der Treuhand privatisiert und auf 150 Beschäftigte verkleinert. 1998 geht die Firma in Konkurs und bereits ein Jahr später sind fast alle Gebäude abgerissen.
Zur EXPO 2000 bepflanzt die Schaubühne Lindenfels das Gelände als Getreidefeld und der Name „Jahrtausendfeld“ entsteht.
Planungen als Energy City, Fußballfeld oder Gedenkort der Friedlichen Revolution schlugen fehl. Derweil entsteht eine rege Zwischennutzung als Treffpunkt, mit offenem Gärtnern, Volleyballfeld, einem Wagenplatz für zwei Jahre.
Die Eigentümerfirma Leipziger Stadtbau AG lässt Wildwuchs, angelegte Beete und selbstgebaute Sitzmöbel regelmäßig räumen. Ein Rückverkauf an die Stadt schlug 2020 fehl.
Auf dem Bild von 2019 ist im Hintergrund ist der Neubau einer Schule zu sehen.

—> Freundeskreis Jahrtausendfeld eV
—> Situation jetzt?

–> siehe auch: Plagwitz

… auf einer großen Brachfläche einfach Weizen ausgesäht. An der Stelle hatte bis 1990 eine Fabrik für Ackergeräte gestanden. Jetzt, da von der nicht mal mehr die Fundamente im Boden steckten, war die Zukunft des Ortes wieder völlig offen, eine „Rückkehr zur Natur“ inbegriffen. Weil die Aktion im Jahr 2000 stattfand, tauften die Initiatoren von der Schaubühne Lindenfels ihren Weizenacker offiziell das „Jahrtausendfeld“.
Das war das Jahr, in dem Leipzig Plagwitz als externer Standort der EXPO 2000 Furore machte. Überall im Viertel sprossen damals die Ideen buchstäblich aus dem Sand der abgeräumten Industrieareale. … Zwischen all den Inseln sporadischer Betriebsamkeit steckten experimentierfreudige Landschaftsarchitekten auf einem der vielen leer gebliebenen Karrees „Parzellen im Wartestand“ ab, eingehegt von Weidenzweigen und ausgelegt mit Ziegelsplitt der zerschredderten Fabriken.
… In keiner deutschen Stadt versprach alles so spannend zu werden wie hier.
(Kil, Wolfgang: Luxus der Leere. vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt, Wuppertal, Müller und Busmann, 2004, S. 96–97)

Acker-Gänsedistel (Sonchus arvensis)
Bergminze (Calamintha nepata)
Blauer Natternkopf (Echium vulgare)
Echte Katzenminze (Nepeta cataria)
Einjähriges Rispengras (Poa annua)
Gemeine Quecke (Elymus repens)
Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium)
Gemeine Wirbeldost (Clinopodium vulgare)
Gewöhnliche Waldrebe (Clematis vitalba)
Gewöhnlicher Hornklee (Lotus corniculatus)
Gewöhnliches Leinkraut (Linaria vulgaris)
Kanadische Goldrute (Solidago canadensis)
Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos)
Löwenzahn (Taraxacum officinale)
Pfefferminze (Mentha)
Rosen-Malve (Malva alcea)
Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia)
Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa)
Spitz-Wegerich (Plantago lanceolata)
Spreizende Melde (Atriplex patula)
Vogelknöterich (Polygonum aviculare)
Weiß-Klee (Trifolium repens)
Weißer Gänsefuss (Chenopodium album)
Zitter-Pappel (Populus tremula)

Verlegen blicken die sechs Männer in Arbeitsklamotten in Andreas Voigts Kamera, gruppiert vor einem verrosteten Nietenkessel, der auf dem Boden liegt. Es ist das Jahr 1993. Die Scheiben der alten Backsteinhäuser im Hintergrund eingeschmissen, die Schuppen zertrümmert. Es ist die Abrissbrigade, wortkarg und ratlos ob der Situation. „Was macht ihr da?“, fragt der Filmemacher. „Demolieren. Alles demolieren.“ „Und was war hier mal?“ „Gießerei.“ „Habt ihr hier mal gearbeitet?“ „Nein.“ „Und was macht ihr, wenn ihr hier fertig seid?“ „Arbeitslos“, sagt einer, „arbeitslos“ sprechen die anderen nach. Es handelt sich in Wirklichkeit um das Gelände des ehemaligen VEB Bodenbearbeitungsgeräte (BBG), in der Nähe der Gießerei. Man kann die Lage ungefähr anhand des neoromanischen Turmes der Liebfrauenkirche am rechten Bildrand identifizieren. Seltsam stehen die Männer da. Drei auf den Kessel gestützt, einer hat das linke Bein über das rechte geschlagen und reckt einen gewaltigen Bauch hervor. Einer steht abseits, ein anderer versteckt sich hinter seinem Vordermann. Sie sprechen nicht und machen auch nichts, sind wie eingefroren für ein Foto. Schwer zu sagen, ob Voigt sie so aufgestellt hat, ob er von ihnen etwas anderes erwartete.

2021. Das „Jahrtausendfeld“, im Moment noch eine Freifläche an der Leipziger Karl-Heine-Straße, befindet sich direkt neben dieser Szene, ebenfalls ehemaliges Betriebsgelände des VEB Bodenbearbeitungsgeräte (BBG). In jeder Saison schießen die Gebüsche nach oben, Furchen durchziehen das Feld, Gräben und Hügel entstehen, Sperrmüllsofasiedlungen. In jeder Saison werden Bepflanzung und Sperrmüll wieder abgeräumt, die Furchen eingeebnet. Ganz so, als würde jederzeit die Bebauung beginnen. Danach beginnt der Zyklus von Neuem. Keine Bebauung, abendliche Neubesiedlung durch die Sandler im Kiez. Die Fläche groß genug, dass man von hier aus den Sonnenuntergang beobachten kann, ebenerdig, mitten in der Stadt. Warum räumt die Stadt oder der Eigentümer jedes Jahr das Gelände ab? Glaubt man wirklich an einen unmittelbar bevorstehenden Projektbeginn? Oder will man verhindern, dass Bäume wie Menschen hier zu tiefe Wurzeln schlagen? Tatsächlich habe ich mir nie vorstellen können, wie hoch die Pflanzen nach wenigen Monaten stehen, wenn man sie nicht daran hindert. Jedes Frühjahr wieder erblicke ich mit Schadenfreude den Neubewuchs.